Die japanische Philosophie des Kaizen räumt mit dem Mythos der Schwierigkeit von Veränderungen ein für alle Mal auf. Durch sie wird aus der Bergbesteigung ein fast müheloser Spaziergang.

Veränderung zum Besseren

Bei jeder Silvesterfeier nehmen sich Millionen Menschen vor, im neuen Jahr etwas in ihrem Leben zu verändern – und versagen jedes Mal kläglich. Es gibt jedoch eine Alternative zur jährlichen Wiederkehr des Scheiterns: Den japanischen Weg des Kaizen. Alles, was Sie dabei tun müssen, ist, gemächlich einen Fuß vor den anderen zu setzen. Das japanische Wort Kaizen bedeutet „Veränderung zum Besseren“ (Kai = Veränderung, Zen = zum Besseren). Kaizen ist auch ein uralter philosophischer Weg, der sich am besten mit einer Aussage aus dem Tao Te King illustrieren lässt: „Auch eine Reise von tausend Meilen beginnt mit dem ersten Schritt.“

Tägliche kleine Fortschritte

In unserer westlichen Wirtschaftswelt lautet die Parole jedoch Innovation, und erstrebt wird die maximale Veränderung in einem Minimum an Zeit. Doch nicht immer führt eine solche Strategie zum Erfolg. In der schwierigen Situation Japans nach dem Zweiten Weltkrieg – die Industrie war zerstört und es fehlten Ressourcen für einen schnellen Wiederaufbau – fand sich die Lösung in der Idee des Kaizen: Tägliche kleine Fortschritte und die Verbesserung aller Bedingungen waren das Ziel, das die Ethik des Zen und die Mentalität des japanischen Volkes in sich vereinte.

Persönliche Wandlungsprozesse

Die Philosophie des Kaizen hat sich inzwischen auch in vielen westlichen Firmen etabliert und zahlreiche Menschen inspiriert. Dr. Robert Maurer ist klinischer Psychologe an der medizinischen Fakultät der University of California in Los Angeles und der University of Washington. Er hatte Kaizen bei seiner Arbeit in Unternehmen kennengelernt und wollte diese Strategie auch für persönliche Wandlungsprozesse adaptieren. Bei seiner Tätigkeit begegnete er vielen Menschen, die ihr Leben wirklich ändern mussten: negative Gewohnheiten ablegen, die eigene Einsamkeit überwinden, einen ungeliebten Beruf aufgeben. „Immer und immer wieder konnte ich beobachten, wie manche Menschen sich tapfer in den Kampf stürzten, um schnell viel zu erreichen. Der Großteil scheiterte. Und diese frustrierten Seelen gaben sich dann meist entmutigt mit den Trostpreisen des Lebens zufrieden, statt ihrer wahren Berufung zu folgen“, schreibt Dr. Robert Maurer in seinem bemerkenswerten Buch „Wie ein kleiner Schritt Ihr Leben verändert – Der Weg des Kaizen“.

Mit der Angst fertigwerden

Maurer wendete die Kaizen-Technik der kleinen Schritte bei Patienten an. „Statt meinen Klienten zuzureden, einen unbefriedigenden Beruf aufzugeben, hielt ich sie an, sich jeden Tag einige Sekunden lang ihren Traumjob auszumalen. Wenn ein Patient weniger Kaffee trinken wollte, fingen wir mit einem Schluck weniger pro Tag an“, so Maurer. Er entdeckte dabei, „dass maßvolle Veränderungen dem menschlichen Geist helfen, mit der Angst fertigzuwerden, die Erfolg und Kreativität blockiert.“ Wie Fahrschüler, die zunächst einfach im Auto sitzen bleiben und sich mit den Instrumenten vertraut machen, um dann immer nur ein paar Minuten am Stück zu fahren, lernen die Klienten von Dr. Maurer in einem sicheren, angstfreien Umfeld, winzige Schritte der Veränderung zu tun. Am Ende sind seine Patienten regelmäßig verblüfft, dass sie ihre Ziele erreicht haben – ohne jede bewusste Anstrengung!

Maurer ist überzeugt, dass der Kaizen-Ansatz eine extrem effektive Methode ist, neue neuronale Verbindungen im Gehirn zu schaffen. Oder wie eine seiner Klientinnen sagte: „Die Schritte waren so winzig, dass ich gar nicht scheitern konnte!“

Zugriff auf den Kortex

Um einen kreativen Prozess anzustoßen oder etwas verändern zu wollen, müssen wir uns an den Kortex wenden, jenen Teil des Hirns, in dem das rationale und kreative Denken angesiedelt ist. Meist fühlen wir uns bei anstehenden Veränderungen mehr oder weniger blockiert. Die Ursache dafür liegt in der Amygdala, einer Gehirnregion, die den Kampf-Flucht-Impuls kontrolliert. Nicht nur Gefahren, sondern auch neue Situationen und Herausforderungen versetzen die Amygdala nämlich in Alarmbereitschaft – was Angst auslöst. Diese wiederum vermindert unseren Zugriff auf den Kortex, den rationalen, denkenden Teil unseres Gehirns, und dies ausgerechnet dann, wenn wir ihn am meisten benötigen würden.

Neue Verbindungen zwischen Neuronen

Die kleinen Schritte des Kaizen hingegen entschärfen die Angstreaktionen des Gehirns und verhindern damit innere Blockaden. Sie stimulieren vielmehr das rationale Denken und das kreative Spiel. Oder mit den Worten von Dr. Maurer: „Wenn Sie kleine, leicht zu erreichende Veränderungen und Ziele anstreben, so umschleichen Sie die Amygdala auf Zehenspitzen, damit sie geruhsam weiterschläft und nicht die Alarmglocken schrillen lässt. Während Sie dann Ihre kleinen Schritte in aller Stille weiterverfolgen, wird Ihr Kortex aktiv und schafft die Voraussetzung, die Sie für den ersehnten Wandel brauchen: neue Verbindungen zwischen Ihren Neuronen, sodass sich das Gehirn begeistert auf die Wandlung einlässt und Sie plötzlich zügig auf Ihr Ziel zusteuern.“

Kaizen in allen Lebensbereichen

Wie nun aber können Sie Kaizen ganz konkret auf persönliche Fragen anwenden? Bei diesem Blogpost handelt es sich um einen Artikelauszug aus „Kaizen: Der Pfad der kleinen Schritte“ erschienen bei ZeitenSchrift. Im vollständigen Artikel lernen Sie, mit welch simplen Methoden Sie Ihre Gewohnheiten ändern können. Zudem zeigt die ZeitenSchrift auf, mit welchen Strategien sich unser Gehirn neu programmieren lässt. Doch nicht nur der Alltag wird plötzlich viel einfacher! Erfahren Sie, warum Beziehungen dank der Kaizen-Philosophie nicht nur stabiler sind, sondern auch länger halten. Kaizen lässt sich in allen Lebensbereichen erfolgreich anwenden und integrieren.

Den ganzen Bericht mit vielen Tipps und Hinweisen finden Sie in der ZeitenSchrift-Druckausgabe Nr. 100.

 

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