Wenn jemand an die Organe des Menschen denkt, dann kommen ihm vermutlich recht schnell die Nieren, das Herz, oder die Leber in den Sinn. Aber das Mikrobiom? Ein Organ? 

In der Tat, manche Wissenschaftler bezeichnen es sogar als „Super-Organ“ oder „Super-Organismus“, also als eine Art übergeordneten, festen und überaus wichtigen Bestandteil menschlichen Lebens. Es besteht aus allen Mikroorganismen, die in unserem Darm leben (das, was landläufig auch Darmflora genannt wird), aber auch auf der Haut und den Schleimhäuten, etwa in Mund, Rachen, Nase und Genitalien.


In unserem Verdauungstrakt leben Milliarden kleinster Mikroorganismen, ohne die wir Menschen nicht lebensfähig wären – das sogenannte Mikrobiom. Es hilft uns nicht nur beim verdauen, sondern bildet auch eine Vielzahl wichtiger Botenstoffe. Die entscheiden darüber mit, ob wir zu dick werden oder Diabetes bekommen, wie viel wir von einem Medikament brauchen, oder sogar, wie viele Botenstoffe unser Gehirn abbekommt. Kurzum: Das Mikrobiom ist maßgeblich für unsere Gesundheit verantwortlich. Gerät es aus den Fugen, können wir leicht krank werden.

Dieser Text beruht auf einem Interview von Moritz Pompl mit Prof. Dr. med. Dr. rer. nat. André Gessner, Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie und Hygiene in Regensburg. In den nächsten Tagen werden wir auch die weiteren Teile dieses Textes auf unserem Blog veröffentlichen.


Nur eine von zehn Zellen in uns ist ‚menschlich‘

Die Zahlen des Mikrobioms sind beeindruckend: Die Mehrzahl aller Zellen im menschlichen Körper sind Bakterien! Mikroskopisch betrachtet sind wir Menschen also eher eine Ansammlung an kleinsten Organismen als ein Haufen menschlicher Zellen.

„Wenn uns ein außerirdisches Wesen beurteilen würde, würde es sagen: Da sind einige Zellen, die sehen alle sehr ähnlich aus – aber eigentlich viel viel mehr andere, ganz verschiedene Lebensformen, die zahlenmäßig deutlich überwiegen. Das ist ein merkwürdiges Gebilde.“
Prof. Dr. Dr. André Gessner

Warum wir – zumindest für terrestrische Wesen – trotzdem wie ein Mensch aussehen? Ganz einfach: Weil unsere körpereigenen Zellen viel größer sind als ein Bakterium. Das Darm-Mikrobiom bringt aber immerhin rund 1,5 Kilo auf die Waage – pro Mensch. In einem Milliliter Darminhalt befinden sich rund 1.000.000.000.000 Bakterien, also eine Billion!

„Zusätzlich gibt es noch die vielen Viren, die ganz normal in uns leben – die gehen zahlenmäßig noch weit darüber hinaus. Und dann gibt es noch Pilze, Würmer und die sogenannten Archäen, die den Bakterien ähneln, aber eine eigene Gruppe darstellen.“
Prof. Dr. Dr. André Gessner

Viele der Mikroorganismen sind noch nicht identifiziert, Forscher gehen aber davon aus, dass es weit mehr als 1.000 verschiedene sind, die auf und in uns leben. Und: dass sie sich in ihrer Zusammensetzung in jedem von uns unterscheiden. Jeder Mensch hat sozusagen seinen eigenen Darmflora-Fingerabdruck – auch wenn es natürlich Mikroorganismen gibt, die in jedem von uns vorhanden sind – E.coli-Bakterien zum Beispiel.

Das Mikrobiom ist nicht überall gleich dicht

Besonders viele Mikroorganismen leben im unteren Dünn- und im Dickdarm – das zeigt sich auch beim Stuhlgang, der zu rund einem Drittel aus Bakterien besteht. Weit weniger Kleinstlebewesen sind es im Magen und im oberen Dünndarm, weil hier die Magensäure so gut wie alle Keime abtötet, die mit der Nahrung in den Körper gelangen, und die Gallensäuren zusätzlich gegen die Bakterien wirken. Nur der berühmt-berüchtigte Helicobacter pylori hat sich an das saure Magenmilieu angepasst und lebt allein auf weiter Flur in den Zotten der Magenschleimhaut.

Entscheidend sind Geburt und Lebensstil

Übrigens entwickelt sich unser Mikrobiom bereits in den ersten Lebenstagen. Entscheidend dabei ist der Geburtsvorgang, bei dem das Neugeborene mit der Vaginalschleimhaut der Mutter in Kontakt kommt und die ersten Bakterien aufnimmt. Später sind es dann verschiedene andere Quellen aus der Umwelt, in denen die Mikroorganismen für unsere Darmflora stecken – in erster Linie die Nahrung. Unser Lebensstil ist also entscheidend dafür, wie sich das Mikrobiom im Laufe des Lebens verändert. So kann das eines Mexikaners, der sich scharf und Mais-lastig ernährt, völlig anders aussehen als das eines Nordseebewohners, der sich vielleicht hauptsächlich von Fisch ernährt.

„Bei manchen Stämmen in Afrika, die ausschließlich als Jäger und Sammler leben, setzt sich das Mikrobiom wieder ganz anders zusammen als bei einem Mitteleuropäer. Es hängt also sehr davon ab, wie die Menschen leben und wie sie sich ernähren, ob sie jemals Antibiotika genommen haben. Und letztlich auch davon, wie die Gene des Menschen sind.“
Prof. Dr. Dr. André Gessner

Außerdem verändert sich das Mikrobiom, wenn jemand beispielsweise aus Deutschland nach Asien zieht. Das wissen Forscher übrigens deshalb, weil sie seit einigen Jahren in vielen Studien das Mikrobiom im Menschen genau untersuchen. Sie analysieren dabei die Gene der Mikroorganismen, die sie aus verschiedenen Abstrichen ihrer Probanden gewinnen – letztlich mit dem Ziel, genau herauszufinden, welche Mikroorganismen möglicherweise mit welchen Erkrankungen zusammenhängen.

 

Den Artikel haben wir übernommen von BR Bayern zwei, Autor ist Moritz Pompl, Stand: 05.07.2019

Hier geht es zum Artikel auf BR Bayern 2: Was ist das Mikrobiom?

Lesen Sie im nächsten Beitrag: Asthma ohne Bakterien?Aufgaben des Mikrobioms auf BR Bayern 2

Weiterführende Informationen finden Sie hier:

alpha-thema Gespräch: Darm – das große Tabu

ARD-alpha, 32 Min, Online bis 08.12.2024

Gesprächsgäste: Dr. med. Yael Adler, Dermatologin und Ernährungsmedizinerin; Prof. Dr. med. Robert Grützmann Direktor Chirurgische Klinik, Universitätsklinikum Erlangen

Der Darm wird oft als das zweite Gehirn bezeichnet, weil er eine so wichtige Schaltzentrale für die Gesundheit des Menschen ist. Moderatorin Özlem Sarikaya spricht mit der Dermatologin und Ernährungsmedizinerin Dr. Yael Adler und Professor Dr. Robert Grützmann, dem Direktor der Chirurgischen Klinik des Universitätsklinikums Erlangen, darüber, wie Lebensstil und Ernährung dieses größte innere Organ beeinflussen. Die Medizin hat auf diesem Gebiet große Fortschritte gemacht, sodass die Vorsorgeuntersuchungen gleichzeitig auch gute Behandlungschancen gegen den Darmkrebs bieten. Das Gespräch „Darm – Das große Tabu“ um 21.00 Uhr macht klar: Dieses Organ hat viel mehr Aufgaben als nur die der Verdauung.

Hier geht es zur Sendung: alpha-thema Gespräch: Darm – das große Tabu

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