Die Hygiene-Hypothese besagt: Je besser sich unser Immunsystem mit „Schmutz“ oder „Keimen“ auseinandersetzen darf, desto besser reift es. Was hat das Immunsystem mit unserem Mikrobiom zu tun?


In unserem Verdauungstrakt leben Milliarden kleinster Mikroorganismen, ohne die wir Menschen nicht lebensfähig wären – das sogenannte Mikrobiom. Es hilft uns nicht nur beim verdauen, sondern bildet auch eine Vielzahl wichtiger Botenstoffe. Die entscheiden darüber mit, ob wir zu dick werden oder Diabetes bekommen, wie viel wir von einem Medikament brauchen, oder sogar, wie viele Botenstoffe unser Gehirn abbekommt. Kurzum: Das Mikrobiom ist maßgeblich für unsere Gesundheit verantwortlich. Gerät es aus den Fugen, können wir leicht krank werden.

Dieser Text beruht auf einem Interview von Moritz Pompl mit Prof. Dr. med. Dr. rer. nat. André Gessner, Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie und Hygiene in Regensburg. In den nächsten Tagen werden wir auch die weiteren Teile dieses Textes auf unserem Blog veröffentlichen.


Stellen Sie sich vor, Sie haben Zwillinge. Eines der Kinder stecken sie zum Spielen auf den nächsten Bauernhof, wo es im Heu liegen und Katzen streicheln oder Kühe füttern darf. Das zweite Kind spielt immer zuhause in der Großstadt-Wohnung. Jahre später stellen Sie fest, dass das „Großstadt-Kind“ an Asthma leidet, eine Neurodermitis bekommt oder vielleicht sogar eine Blutzucker-Krankheit entwickelt, während das „Bauernhof-Kind“ kerngesund ist. Zufall?

Nicht, wenn es nach zahlreichen wissenschaftlichen Erkenntnissen geht, die die sogenannte Hygiene-Hypothese untermauern. Sie besagt: Je besser sich unser Immunsystem mit „Schmutz“ oder „Keimen“ auseinandersetzen darf, desto besser reift es. Im Klartext: Das „Bauernhof-Kind“ hat tatsächlich ein geringeres Risiko für allergische Erkrankungen oder Autoimmunleiden als eines, das „zu“ sauber lebt. Und selbst für Krankheiten, für die ganz verschiedene Ursachen diskutiert werden – etwa Typ I Diabetes – erhärtet sich der Verdacht, dass ein Zusammenhang mit übertriebener Hygiene besteht.

Nicht jede Wurmerkrankung ist ungesund

All das wiederum hängt unmittelbar mit dem Mikrobiom zusammen. Denn die Keime vom Bauernhof gelangen auch in den Darm und stimulieren dort die Lymphknoten in der Schleimhaut. Erst so kann sich die körpereigene Abwehr richtig entwickeln. Übrigens gilt das nicht nur für Bakterien, sondern insbesondere auch für Würmer: Die können über bestimmte Botenstoffe das Immunsystem „umdirigieren“ und so etwa eine Asthma-Erkrankung abmildern. Das heißt nicht, dass jede Wurmbesiedelung automatisch gesund ist, aber manche sind eben auch nicht von vornherein zu verteufeln.

„Früher haben ja unsere Omas immer gesagt, man soll ruhig mal Dreck essen. Die moderne Mikrobiom-Forschung würde da noch hinzufügen: Es muss aber der richtige sein.“
Prof. Dr. Dr. André Gessner

 

Ohne funktionierendes Mikrobiom drohen Nahrungsmittelallergien

Bei allergischen Kindern übrigens finden die Forscher häufig eine veränderte Darmflora, die das Immunsystem vermutlich nur unzureichend anspornt. Und bei Mäusen konnten Wissenschaftler Nahrungsmittelallergien auslösen, wenn sie ihnen nach der Geburt Antibiotika gaben und damit die natürliche bakterielle Besiedlung des Darmes verhinderten.

Für den gesamten Stoffwechsel entscheidend

Das Mikrobiom hängt aber nicht nur mit Allergien oder Autoimmunerkrankungen zusammen, sondern es bestimmt auch über eine ausreichende Vitamin-Versorgung des Körpers. Bestimmte Darmbakterien nämlich produzieren Vitamin K, und das ist unter anderem lebenswichtig für eine gesunde Blutgerinnung. Außerdem produziert das Mikrobiom eine ganze Reihe an Enzymen, die in unterschiedlichster Weise auf den Körper wirken. Manche davon sind zum Beispiel an der Verdauung beteiligt und sorgen dafür, dass der Nahrung besonders viel Energie entlockt werden kann. Eigentlich ideal, allerdings kann das zu einer massiven Gewichtszunahme führen, weil der Betroffene nicht zwangsweise weniger isst – obwohl das völlig ausreichend wäre.

„Man wird nicht nur dick, weil man die falschen Bakterien hat, sondern man muss schon auch zu viel essen.“
Prof. Dr. Dr. André Gessner

Hier gibt es übrigens Parallelen zur Tiermast: Manchmal bekommen Schweine Antibiotika, damit sie schneller an Gewicht zulegen. Das funktioniert, indem die Antibiotika bestimmte Bakterien abtöten und so Platz schaffen für genau die Bakterien, die bei der verstärkten Verdauung und besserer Nahrungsverwertung helfen.

„Das sehen wir Mediziner natürlich gar nicht gern, weil dadurch resistente Bakterien entstehen. Für die Medizin hat das riesige Konsequenzen – weil uns dann im Zweifel die Antibiotika ausgehen.“
Prof. Dr. Dr. André Gessner

 

Beeinflusst das Mikrobiom eine Depression?

Andere Bakterien-Enzyme aktivieren bestimmte Medikamente, die sonst unwirksam wären – etwa Östrogene oder bestimmte Herzmedikamente wie Digitalis. Allerdings gibt es auch den gegenteiligen Fall, also dass Bakterien Arzneimittel deaktivieren. Wieder andere Enzyme des Mikrobioms sind an der Produktion von Botenstoffen für das Nervensystem beteiligt, beeinflussen also direkt unser Gehirn. Deshalb forschen Mediziner inzwischen daran, ob das Mikrobiom nicht mit Erkrankungen wie Depression oder Autismus zusammenhängen könnte – auch wenn hier noch vieles unklar ist.

 

Den Artikel haben wir übernommen von BR Bayern zwei, Autor ist Moritz Pompl, Stand: 05.07.2019

Hier geht es zum Artikel auf BR Bayern 2: 

Lesen Sie im nächsten Beitrag: Asthma ohne Bakterien? Aufgaben des Mikrobioms auf BR Bayern 2

 

Weiterführende Informationen finden Sie hier:

alpha-thema Gespräch: Darm – das große Tabu

ARD-alpha, 32 Min, Online bis 08.12.2024

Gesprächsgäste: Dr. med. Yael Adler, Dermatologin und Ernährungsmedizinerin; Prof. Dr. med. Robert Grützmann Direktor Chirurgische Klinik, Universitätsklinikum Erlangen

Der Darm wird oft als das zweite Gehirn bezeichnet, weil er eine so wichtige Schaltzentrale für die Gesundheit des Menschen ist. Moderatorin Özlem Sarikaya spricht mit der Dermatologin und Ernährungsmedizinerin Dr. Yael Adler und Professor Dr. Robert Grützmann, dem Direktor der Chirurgischen Klinik des Universitätsklinikums Erlangen, darüber, wie Lebensstil und Ernährung dieses größte innere Organ beeinflussen. Die Medizin hat auf diesem Gebiet große Fortschritte gemacht, sodass die Vorsorgeuntersuchungen gleichzeitig auch gute Behandlungschancen gegen den Darmkrebs bieten. Das Gespräch „Darm – Das große Tabu“ um 21.00 Uhr macht klar: Dieses Organ hat viel mehr Aufgaben als nur die der Verdauung.

Hier geht es zur Sendung: alpha-thema Gespräch: Darm – das große Tabu

 

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