So gut wie jede Antibiotika-Therapie verändert auch unser Mikrobiom. Meistens sind es harmlose Verschiebungen in der Zusammensetzung, die aber im Extremfall sogar tödlich sein können.


In unserem Verdauungstrakt leben Milliarden kleinster Mikroorganismen, ohne die wir Menschen nicht lebensfähig wären – das sogenannte Mikrobiom. Es hilft uns nicht nur beim verdauen, sondern bildet auch eine Vielzahl wichtiger Botenstoffe. Die entscheiden darüber mit, ob wir zu dick werden oder Diabetes bekommen, wie viel wir von einem Medikament brauchen, oder sogar, wie viele Botenstoffe unser Gehirn abbekommt. Kurzum: Das Mikrobiom ist maßgeblich für unsere Gesundheit verantwortlich. Gerät es aus den Fugen, können wir leicht krank werden.

Dieser Text beruht auf einem Interview von Moritz Pompl mit Prof. Dr. med. Dr. rer. nat. André Gessner, Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie und Hygiene in Regensburg. In den nächsten Tagen werden wir auch die weiteren Teile dieses Textes auf unserem Blog veröffentlichen.


Der Grund: Vor allem Breitspektrum-Antibiotika wie Ampicillin oder Cephalosporine töten eine ganze Reihe an Bakterien im Darm ab. Keime, gegen die sie nicht wirken, bekommen dann auf einmal die Gelegenheit, sich großflächig auszubreiten und eine Menge Unheil anzurichten.

Ein solcher Keim ist das Bakterium Clostridium difficile, das bei rund fünf Prozent aller Menschen als normaler Keim im Darm vorkommt und in geringer Anzahl unschädlich ist. Nimmt es bei einer längeren Antibiotika-Therapie überhand, dann kann es im großen Stil Giftstoffe aussondern und zu einer heftigen Darmentzündung führen, der sogenannten pseudomembranösen Kolitis. Dabei kommt es zu Fieber, starken Bauchschmerzen und schwerem Durchfall.

„Im schlimmsten Fall kann die Entzündung die Darmwand angreifen und sogar durchbrechen, sodass sich das Bauchfell entzündet und es zu einer Sepsis, also einer ‚Blutvergiftung‘ kommt.“
Prof. Dr. Dr. André Gessner

Was gegen die pseudomembranöse Kolitis helfen kann, sind wiederum spezielle Antibiotika gegen Clostridium difficile.

 

Auch das Mikrobiom selbst kann gefährlich werden

Abgesehen von der pseudomembranösen Kolitis kann das Mikrobiom auch bei anderen Erkrankungen zur Gefahr werden. Bei einer Leberzirrhose etwa, die im Rahmen einer Alkoholsucht entstehen kann, ist die Leber nicht mehr in der Lage, ausreichend Ammoniak abzubauen. Genau das aber wird durch bestimmte Bakterien in der Darmflora produziert. Kommt die Leber nicht mehr hinterher, dann häuft sich das Ammoniak im Blut an und gelangt unter anderem auch ins Gehirn. Dort kann es dazu führen, dass der Betroffene schläfrig oder sogar bewusstlos wird. Die Ärzte tendieren dann – abgesehen von der Notfallbehandlung – dazu, die Ammoniak-bildenden Bakterien im Mikrobiom zurückzudrängen – durch gezielte Antibiotika und einen speziellen Zucker, der andere Bakterien-Arten schneller wachsen lässt.

Bei AIDS werden harmlose Keime schädlich

Auch bei einer Immunschwäche, etwa im Rahmen einer Chemotherapie oder einer AIDS-Erkrankung, kann das Mikrobiom zur Gefahr werden. Plötzlich werden Keime schadhaft, die vorher keine Bedrohung waren. So können sich beispielsweise Pilze im Genitalbereich oder auch im Mund ausbreiten und schmerzhafte Entzündungen hervorrufen. Zur Behandlung stehen dann Anti-Pilz-Mittel zur Verfügung.

 

Den Artikel haben wir übernommen von BR Bayern zwei, Autor ist Moritz Pompl, Stand: 05.07.2019

Hier geht es zum Artikel auf BR Bayern 2: 

Lesen Sie im nächsten Beitrag: Prävention und TherapieWie das Mikrobiom ins Gleichgewicht kommt

 

Weiterführende Informationen finden Sie hier:

alpha-thema Gespräch: Darm – das große Tabu

ARD-alpha, 32 Min, Online bis 08.12.2024

Gesprächsgäste: Dr. med. Yael Adler, Dermatologin und Ernährungsmedizinerin; Prof. Dr. med. Robert Grützmann Direktor Chirurgische Klinik, Universitätsklinikum Erlangen

Der Darm wird oft als das zweite Gehirn bezeichnet, weil er eine so wichtige Schaltzentrale für die Gesundheit des Menschen ist. Moderatorin Özlem Sarikaya spricht mit der Dermatologin und Ernährungsmedizinerin Dr. Yael Adler und Professor Dr. Robert Grützmann, dem Direktor der Chirurgischen Klinik des Universitätsklinikums Erlangen, darüber, wie Lebensstil und Ernährung dieses größte innere Organ beeinflussen. Die Medizin hat auf diesem Gebiet große Fortschritte gemacht, sodass die Vorsorgeuntersuchungen gleichzeitig auch gute Behandlungschancen gegen den Darmkrebs bieten. Das Gespräch „Darm – Das große Tabu“ um 21.00 Uhr macht klar: Dieses Organ hat viel mehr Aufgaben als nur die der Verdauung.

Hier geht es zur Sendung: alpha-thema Gespräch: Darm – das große Tabu

 

Lesen Sie hier die vorangegangenen Teile:

 

 

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