Die Tyrannei der Emotionen hat uns zu Gefühlssüchtigen werden lassen. „Ich fühle, also bin ich“ scheint das Motto der heutigen Zeit zu sein. In diesem Teil geht es um die Entwicklung der Gefühle.

Für ein Gefühl lassen wir alles hinter uns, was uns je teuer war. Doch Gefühle sind wankelmütig, unsicheren Sandburgen gleich. In drei Teilen veröffentlichen wir einen Artikelauszug des Magazins „Zeiten Schrift“ Ausgabe 37, Autorin Ursula Seiler. Dies ist Teil 1 zum Thema „Von der Gefühlssucht zur Sensibilität“.

Das 20igste Jahrhundert

Historiker würden das 20. Jahrhundert vielleicht jenes der großen Kriege nennen. Ethiker würden es als jenes des Sündenfalls der Menschheit bezeichnen und an die Atombombe erinnern. Techniker würden es als das Jahrhundert der Eroberung des Luftraums feiern, und Soziologen seine Verdienste um die sogenannte sexuelle Befreiung würdigen. Man mag das 20. Jahrhundert vorwiegend als eines der Wissenschaft und Forschung sehen, als eines der verwirklichten Ideologien (Kommunismus, Zionismus) – die zum Teil dann auch wieder scheiterten.

Man mag es als eines des Völkermords betrachten (obwohl es dabei an Brutalität frühere Zeitalter nicht unbedingt übertrifft), und gleichzeitig als die Geburtsstunde, in welcher der Mensch erkannte, dass er sich als seines Nächsten Bruder zu begreifen hat, will er auch in künftigen Jahrhunderten überleben. Ja, es war ganz gewiss auch das Jahrhundert, da die Menschheit, allen Widrigkeiten zum Trotz, erkannte, dass sie in einem Boot sitzt und die Dummheit eines einzigen den Untergang von allen bedeuten kann.

Das Jahrhundert der Erweckung

Was war es aus geistiger Sicht? Vielleicht könnte man es ein Jahrhundert der Erweckung nennen, da die hereinkommende Strahlung in vielen Menschen die Sehnsucht nach tieferer Sinnhaftigkeit im Leben, tieferem Empfinden und höherem Glück stimulierte. Es war bestimmt eine Zeit, da die Menschheit als ganzes ihre Liebesfähigkeit verstärken sollte, da sie lernen sollte, nicht nur das eigene Kind, den eigenen Partner, Mutter und Vater (vielleicht!) zu lieben, sondern auch den Nachbarn, den Vorgesetzten und den Menschen, der einem auf der Straße begegnet – egal, ob man ihn kennt und egal, ob er dieselbe Hautfarbe hat wie man selbst.

Intensivierung der Gefühlskraft

Um den Menschen liebesfähiger, liebesstärker werden zu lassen, muß seine Gefühlskraft intensiviert werden. Ohne die Fähigkeit zu fühlen gibt es keinen erfahrbaren Ausdruck für die Liebe. Denn diese äußert sich über das Gefühl, als Mitgefühl, als Barmherzigkeit, als Hingabe, als Sorgetragen, als Umhegen, als Geben schlechthin. Es dürfte also im Plan gewesen sein, dass der Mensch seine Gefühlsnatur stärker entwickle. Denn wie alle Qualitäten des Menschseins war sie nicht einfach von Anfang an vorhanden, sondern unterliegt einer Entwicklung. Zuerst war da im Menschen nur eine primitive Indifferenz, die über das Schmerzempfinden zu einer instinkthaften Gefühlsnatur führte, die weitgehend von primitiven, rohen Leidenschaften dominiert wurde.

Entwicklung der feineren Gefühle

Irgendwann war der kosmische Augenblick gekommen, da im Menschen die feineren, romantischen Gefühle geweckt werden mussten, die schon länger in ihm keimten, denen aber aufgrund gesellschaftlicher Konventionen nicht Ausdruck gegeben werden durfte. Beethovens Musik diente als Ventil dazu (siehe ZeitenSchrift Nr. 5) und galt deshalb zu ihrer Zeit denn auch als unerhört unanständig. Mendelssohns Musik diente ein paar Jahrzehnte später der Entwicklung des Mitgefühls für die Ärmeren, Schlechtergestellten, Leidenden, die man in früheren Jahrhunderten einfach erbarmungslos ihrem Schicksal überlassen hatte.

Vom Instinkt zur direkten Inspiration

Auf der Ebene der Gedanken hatte der Mensch beim Instinkt begonnen. Dann drang er zur konkreten und schließlich zur abstrakten Intelligenz vor – wo wir uns heute befinden. In der Zukunft wird diese intellektuelle Denkfähigkeit abnehmen zugunsten eines neuen, intuitiven Erkennens und Wissens. Schließlich kommt es zu einer direkten Inspiration, wenn der Mensch denken wird, wie seine Göttliche Gegenwart denkt. Wenn es also keine Trennung mehr zwischen dem niederen Denken der Persönlichkeit geben wird und dem höheren, vollkommenen Denken der eigenen ICH BIN-Gegenwart.

Von der Emotionalität zur Sensibilität

Genauso wird die Emotionalität, in der sich die meisten Menschen heutzutage noch immer befinden, sich wandeln zu einer höheren Form der Empfindsamkeit und Sensibilität, werden sich die Gefühle verfeinern und klären. Solange bis sie schließlich nur noch positiv und gut sind und allesamt getragen von göttlicher Liebe.

Dieser Beitrag ist erschienen in ZeitenSchrift Nr. 37 auf Seite 24 und online hier verfügbar
Autor Ursula Seiler
Umfang Artikelauszug
 
 

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