Die Tyrannei der Emotionen hat uns zu Gefühlssüchtigen werden lassen. „Ich fühle, also bin ich“ scheint das Motto der heutigen Zeit zu sein. Der dritte und letzte Teil handelt von der Überdosis zur Abstumpfung.

Für ein Gefühl lassen wir alles hinter uns, was uns je teuer war. Doch Gefühle sind wankelmütig, unsicheren Sandburgen gleich. In drei Teilen veröffentlichen wir einen Artikelauszug des Magazins „Zeiten Schrift“ Ausgabe 37, Autorin Ursula Seiler. Dies ist Teil 3 zum Thema „von der Überdosis zur Abstumpfung“.

Gefühlsjunkies brauchen immer stärkere Reize

Der Mensch von heute wird regelrecht zu einem Gefühlsjunkie gemacht. Er lässt es zu. Das führt dazu, dass er immer abhängiger von Emotionen wird. Dem Suchtgesetz zufolge, können sie nur dann befriedigt werden, wenn sie mit immer stärkeren Reizen verbunden sind. Also immer größerem Horror und Entsetzen, immer unerträglicherer Spannung, immer geileren Szenen, immer unberechenbareren und ausufernderen romantischen Berg- und Talfahrten.

Das Kranke wird Gewohnheit

Das Abnormale, das Kranke wird so auf einmal normal und Gewohnheit. Was die nachmittäglichen Talkshows noch immer an Themen bieten, ist widerlich und abstoßend. Es wird aber von Millionen von Hausfrauen täglich beim Bügeln oder bei einer Tasse Kaffee aufgesogen. Und irgendwann finden sie es normal, wenn ein Schwuler nur befriedigt wird, wenn sein Partner ihm Windeln anzieht und ihn ins Babybettchen legt; von den Sadomaso-Scheußlichkeiten ganz zu schweigen.

Gefühlskörper Bungee-Jumping

Bei manchen Shows lässt ein Partner eines Paares den Treuetest machen. Der Sender schickt dem nichtsahnenden Teil des Pärchens eine Person vorbei, die alles unternimmt, um ihn/sie zur Untreue zu verleiten. Am Schluss sieht man sich in der Sendung wieder, und der/die Auftraggeber/in weiß nicht, wie der Test ausgegangen ist. Jene Person, die getestet wurde, tut erst so, als hätte sie sich neu verliebt und wolle vom früheren Partner nichts mehr wissen. Erst wenn dieser weint, ist das Ziel erreicht. Dann kan man ja enthüllen, dass es gar nicht wahr ist und die alte Beziehungswelt noch voll in Ordnung. Als ob dies so wäre, nachdem man so mutwillig mit dem Gefühlskörper Bungee-Jumping gemacht hat!

Fühle ich nicht, bin ich nicht

Was also aufgeputscht und stimuliert wird, ist die niedere Gefühlsnatur des Menschen, die gleichzeitig auch immer mehr abstumpft. Das reicht bis hin zur totalen Gefühllosigkeit, die dem gefühlsidentifizierten Menschen dann wie das ödeste Gefängnis erscheint. Denn fühlt er nicht, ist er nicht. Und weil seine Gefühle so stumpf und roh geworden sind, glaubt er, nur noch ein Gefühl von Lebendigkeit in sich entdecken zu können, wenn er sich selbst niedersten Trieben und Leidenschaften hingibt oder roher Gewalt.

Diese – für manche wohl allzu krassen – Worte sollen zeigen, was heute mit uns gespielt wird und wo wir enden, wenn wir es nicht erkennen und dem üblen Spiel ein Ende bereiten. 

 
 
 

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