Wenn ich mich um mein eigenes inneres Kind kümmere, spüre ich, wie sich der Schmerz und die Schwere auf der Brust lösen. Es bleibt ein tiefes Mitgefühl, das sich ausweitet. In meinem Erfahrungsbericht lesen Sie, wie mir drei Kinder zum Spiegel eines meiner inneren Kinder und Lehrmeister meines Erwachsenenseins wurden.

Der Spiegel für verletzte innere Kinder

Gerade komme ich von meinem Patenkind und ihren zwei kleineren Geschwistern zurück, um die ich mich drei Tage gekümmert habe, während die Eltern verreist waren. Alle drei kenne ich seit ihrer Geburt und sie sind mir sehr ans Herz gewachsen. Es sind drei großartige, gesunde, lebensfrohe Kinder. Während unserer gemeinsamen Zeit brauchte eines der Kinder immer wieder mal Zuwendung. Es wollte in den Arm genommen, in den Schlaf gewogen werden oder einfach nur Trost haben, wenn ein paar Tränen liefen.

Irgendwann fragte ich mich, welchen Sinn wohl diese drei Tage auf einer höheren Ebene für mich selbst haben würden. Erst als ich wieder zuhause war, wurde mir klar, dass es mit einem verletzten kindlichen Aspekt meiner Selbst zusammenhängt und alle drei Kinder ein Spiegel dafür waren.

Dem seelischen Schmerz auf der Spur

Beim Auspacken meiner Sachen überfiel mich plötzlich ein großer innerer Schmerz. Meine Brust wurde ganz schwer und der seelische Schmerz in meinem Herzen war schier so groß, dass ich mich am liebsten schnell abgelenkt hätte, um das alles nicht spüren zu müssen. Dann dachte ich, ich könnte mal eben innere Arbeit machen und gut ist. Doch weit gefehlt. Der Schmerz blieb. Dann lud ich den Schmerz ein, in Tränen aufzubrechen, so dass der Schmerz im Tränenstrom abfließen könnte. Wieder weit gefehlt. Alles doch nur wieder Taktik, um den Schmerz möglichst schnell los zu werden…

Soviel hatte ich heute noch vor. Musste ich doch vieles nachholen, was in den letzten drei Tagen liegen geblieben war. Doch mit diesem inneren Schmerz verging mir nicht nur die Lust, sondern ich hatte auch kaum noch Energie. Es war, als wenn ich angebunden werden würde, um mich JETZT zuzuwenden. Wann denn auch sonst? Wenn ein Kind weint, verschiebe ich meine Zuwendung doch auch nicht auf übermorgen, sondern ich bin jetzt da und nehme es jetzt in den Arm und schenke im jetzt meine Aufmerksamkeit. Alles andere ist alles andere als gesund.

Dem Inneren Kind Zuwendung schenken

Gut. Ich lege mich also hin, kreuze die Arme und Hände über meine Brust und spüre einfach meinen Atem und den Schmerz auf meiner Brust. „Ich bin da“, sage ich zu mir, „alles darf jetzt sein, jeder Gedanke, jede Empfindung, jede Erinnerung“. Und ich spüre den Nachhall der drei Kinder, wie sie alle immer wieder mal in meinem Arm waren und bekomme den Eindruck, dass ich mich da nun selber in den Arm nehme und anfange, mich als Kind zu trösten. Die Tränen beginnen zu fließen, ganz leise, ganz sachte. Kein lautes Weinen, kein Schluchzen.

In diesem Moment werde ich mir der vielen stillen Tränen meiner Kindheit bewusst, die nach Innen liefen, weil niemand da war, der mich hätte so trösten können, wie ich es gebraucht hätte. Meine Eltern, in vielen Situationen mit ihren eigenen Themen komplett überfordert, andere Bezugspersonen, denen ich mich hätte anvertrauen können, gab es nicht, ältere Geschwister auch nicht. Was kann also eine Kinderseele tun, die voller Kummer ist und nicht weiß wohin mit all dem Schmerz? Viel habe ich in den Schlaf genommen und im Traumland gelassen… Stück für Stück habe ich mich dadurch mehr verschlossen und niemand konnte mehr wirklich in meine Seele blicken. Oft hörte ich, dass man an mich nicht heran kommen könne und ich wie eine Auster verschlossen sei.

Doch heute kommt das bekümmerte und verletzte innere Kind ins Bewusstsein und kann sich nun in die Arme der Erwachsenen, die ich heute bin, legen und all den Trost erhalten, den es eben braucht. Es ist der Schmerz, nicht gesehen zu werden. Er ist geräuschlos, zeigt keine Träne. Der Schmerz steht in seiner Intensität anderen Schmerzen mit Tränen in nichts nach. Vor allem braucht dieser Schmerz Zeit, viel Zeit. Es dauert solange es dauert, bis wir ein Gefühl der Erleichterung, Heilung oder Integration in unserem Herzen spüren.

Das Innere Kind integrieren und Wandlung ermöglichen

Nach einer Weile wie ich da liege und mein inneres Kind versorge, spüre ich, wie die Essenz meines Herzens meine eigene verletzte innere Kinderseele berührt und umhüllt. Allmählich verwandelt sich der Schmerz, und die Schwere auf der Brust löst sich. Es bleibt ein tiefes Mitgefühl für mein inneres Kind, das sich ausweitet auf all die verletzten Kinderseelen in dieser Welt und der Wunsch, dass diese eines Tages alle heilen mögen.

Und so wurden mir drei Kinder zum Spiegel eines meiner inneren Kinder und Lehrmeister meines Erwachsenenseins.

 

Bild: Mandala „Inneres Kind“ von Jeanne Surmont

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Heilpraktikerin für Psychotherapie, Traumatherapeutin und Kunsttherapeutin. Mein Spezialgebiet ist emotionale Bewusstseinsarbeit zur Integration eigener und transgenerativer traumatischer Erfahrungen. Ich arbeite in München in eigener Praxis und online mit Menschen weltweit auf Deutsch, English und Französisch.

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