Der Blinddarm gehört auf der Liste der meist unterschätzten Organe nach ganz oben. Denn er leistet viel mehr, als sein Name verrät. Lange galt, entzündet er sich, muss er raus. Braucht eh niemand. Doch davon ist man heute, nachdem man immer mehr über den Blinddarm herausgefunden hat, abgekommen. Mit dem Ergebnis, dass immer häufiger versucht wird, den Blinddarm bei einer Entzündung zu erhalten (z.B. durch Antibiotikabehandlung).


Leber an Milz. Wie wir lernen, auf die geheimen Signale unserer Organe zu hören

Warum haben wir eigentlich Nasennebenhöhlen? Was leistet die Milz, ohne dass wir es mitbekommen? Und was wünschen sich unsere Fußgewölbe von uns, wo sie uns schon ein Leben lang tragen? Unser Körper ist unser engster Partner, wir sind ein Leben lang mit ihm zusammen, und kennen ihn doch erstaunlich schlecht. Mit ihrem Buch „Leber an Milz. Wie wir lernen, auf die geheimen Signale unserer Organe zu hören“ möchten das Andrea Freund (Journalistin und Heilpraktikerin für Psychotherapie) und Lucia Schmidt (Journalistin und Ärztin) ändern. Sie lassen uns staunen über unseren Organismus, dessen Fähigkeiten und unermüdliche Arbeit wir nur selten wahrnehmen und meist unterschätzen.

In sechs Folgen stellen wir daraus in Auszügen sechs Organe und Körperstrukturen von Kopf bis Fuß vor, meist aus schulmedizinischer und ganzheitlicher Sicht. Denn im Körper ist nicht nur alles miteinander verbunden: Körper, Seele und Geist bilden ebenfalls eine Einheit. Und wer seinem Körper und damit sich selbst Gutes tun möchte, findet dazu am Schluss jeweils eine „Partnerübung“.

Lesen Sie hier den zweiten Teil zum Thema „Der Blinddarm – Heißt der nur so oder kriegt der wirklich nichts mit?“.


Der Blinddarm – ein riesiges Missverständnis

Die Geschichte des Blinddarms fängt schon mal mit einem riesigen Missverständnis an. Wenn wir vom Blinddarm sprechen, meinen wir eigentlich den Wurmfortsatz, eine fünf bis zehn Zentimeter lange schwanzförmige Struktur, die am Blinddarm anhängt – und die sich eben gern entzündet.

Drei essentielle Aufgaben

Heute weiß man, der Blinddarm hat drei essentielle Aufgaben:

  1. als Transitzone: Am Übergang vom Dünndarm zum Blinddarm gibt es eine Klappe. Sie wirkt wie ein ventilartiger Verschluss. Dehnt sich der Dünndarm aus, weil er voller Speisebrei ist, öffnet sich die Klappe in Richtung Blinddarm und transportiert den Brei weiter. Dehnt sich hingegen der Dickdarm aus, weil er voller verdauter Nahrung ist, verschließt sich die Klappe fest, damit aus dem mit zahlreichen Bakterien besiedelten Dickdarm kein Speisebrei mit Bakterien in den deutlich keimärmeren Dünndarm darüber gelangen kann.
    Der Blinddarm fungiert wie eine Transitzone. Ist man erst einmal rein geraten, geht’s zumindest auf demselben Weg nicht mehr zurück. Clever, denn kämen Darmbakterien in den Bereich des Dünndarms, wären schwere Infektionen die Folge.

  2. als Abwehrzentrum: Der Blinddarm spielt auch eine entscheidende Rolle in der Immunabwehr des Menschen und der Entwicklung seines Immunsystems. Hierbei hilft ihm der Wurmfortsatz. Wurmfortsatz und Blinddarm bestehen zum großen Teil aus lymphatischem Gewebe. Dringen Krankheitserreger in den menschlichen Körper ein, beginnt das lymphatische System mit seiner Arbeit und bildet Abwehrzellen (s. Milz, die ebenfalls zum lymphatischen System gehört).
  3. als Vorratskammer: Im Blinddarm und dem Wurmfortsatz befindet sich Darmflora, die von dort in den restlichen Dickdarm verteilt wird. Die menschliche Darmflora besteht aus zahlreichen Mikroorganismen, die bei der Verdauung, der Abwehr von Krankheitserregern und dem Herausfiltern von Vitaminen aus dem Speisebrei helfen. Besonders wichtig wird die Funktion als Vorratskammer, wenn wir an Durchfall leiden. Quält uns eine richtige Magen-Darm-Grippe und alles, was man zu sich nimmt, kommt mehr oder weniger auf direktem Weg wieder raus, geht dem Darm damit auch ein großer Teil dieser nützlichen Darmflora verloren.
    Die guten Mikroorganismen, die nicht von der Flut mitgerissen wurden und sich retten konnten, flüchten in den Blinddarm und warten beziehungsweise vermehren sich dort, bis das Schlimmste vorbei ist. Dann besiedeln sie den Darm wieder und tragen entscheidend zu seiner Funktion bei. Aufgrund unserer modernen Lebensweise und der Einnahme von Antibiotika hat sich übrigens die Differenzierung der Darmflora in den vergangenen 200 Jahren verändert – zum Negativen.

„Partnerübung“

Der Blinddarm und der Wurmfortsatz spielen eine wichtige Rolle in der Immunabwehr und beim Aufrechterhalten einer gesunden Darmflora. Dieses sogenannte Mikrobiom besteht aus zahlreichen Mikroorganismen, die bei der Verdauung, der Abwehr von Krankheitserregern und dem Herausfiltern von Vitaminen aus dem Speisebrei helfen. Magen-Darmerkrankungen und Antibiotika-Einnahme, aber auch viel Alkohol, ungesunde Ernährung oder ein Leben im Jetlag bringen die Darmflora aus dem Takt, indem sie „gute“ Bakterien vernichten und die „schlechten“ Überhand nehmen.

Sprechen Sie daher nach Magendarmerkrankungen oder eben der Einnahme von Antibiotika mit Ihrem behandelnden Arzt darüber, ob und welche Mittel (etwa Präbiotika, also unverdauliche Ballaststoffe wie Inulin-Pulver aus Artischocken und Flohsamenschalen, oder Probiotika wie Joghurt mit lebenden Milchsäurebaktieren) Sie einnehmen könnten, um die Darmflora wieder ins Gleichgewicht bringen.

Leiden Sie unter Blähungen, gelegentlichem Durchfall, müssen Sie oft aufstoßen oder quälen Sie Krämpfe im Unterleib, kann die Ursache ebenfalls eine Störung der Darmflora sein. Ihr Arzt kann eine verlässliche Diagnose stellen und eine eventuelle Therapie einleiten. Denn eine Darmflora, die aus dem Takt ist, kann Auswirkungen auf unser Immunsystem, den Ernährungszustand, Hauterkrankungen und unseren Schlaf-Wach-Rhythmus haben. Und sogar auf unsere Stimmung: Es mehren sich die Hinweise, dass die Darmflora  über die „Darm-Hirn-Achse“ mit unserem Gehirn in Verbindung steht und, wenn unausgewogen, psychische Störungen wie Angsterkrankungen oder Depressionen begünstigen kann. Ein Indiz mehr, dass Im Körper tatsächlich alles mit allem zusammenhängt.

Folge 4 demnächst auf diesem Blog: Das Steißbein – Alles im Lot oder was?


Cover leber an Milz Sechsteiliger Beitrag: Sechs Organe und Strukturen aus dem Buch „Leber an Milz“ (A. Freund/L. Schmidt)

Warum haben wir eigentlich Nasennebenhöhlen? Was leistet die Milz, ohne dass wir es mitbekommen? Und was wünschen sich unsere Fußgewölbe von uns, wo sie uns schon ein Leben lang tragen? Unser Körper ist unser engster Partner, wir sind ein Leben lang mit ihm zusammen, und kennen ihn doch erstaunlich schlecht. Mit ihrem Buch „Leber an Milz. Wie wir lernen, auf die geheimen Signale unserer Organe zu hören“ möchten das Andrea Freund (Journalistin und Heilpraktikerin für Psychotherapie) und Lucia Schmidt (Journalistin und Ärztin) ändern.

Sie lassen uns staunen über unseren Organismus, dessen Fähigkeiten und unermüdliche Arbeit wir nur selten wahrnehmen und meist unterschätzen. In sechs Folgen stellen wir daraus in Auszügen sechs Organe und Körperstrukturen von Kopf bis Fuß vor, meist aus schulmedizinischer und ganzheitlicher Sicht. Denn im Körper ist nicht nur alles miteinander verbunden: Körper, Seele und Geist bilden ebenfalls eine Einheit. Und wer seinem Körper und damit sich selbst Gutes tun möchte, findet dazu am Schluss jeweils eine „Partnerübung“.

Das Buch ist im Buchhandel erhältlich, z.B. beim Weltbild Verlag.


 

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