Hatha Yoga, Pranayama und Tiefenentspannung können ein Weg zu tiefem Vertrauen sein. Über Veränderungen im Körper kannst man Prana, die Lebensenergie, beeinflussen und damit auch den Geist.

Dieser Artikel ist erschienen im Yoga Vidya Journal Nr. 41, geschrieben von Sukadev Bretz, Gründer und spiritueller Leiter von Yoga Vidya.

Hatha Yoga und Vertrauen: Körperarbeit für Selbstvertrauen und Mut

Hatha Yoga ist der Yoga der Körperübung. Im Hatha Yoga sagt man, dass Geisteszustand, Prana (Lebensenergie) und Körper miteinander verbunden sind. Das Denken und Fühlen manifestiert sich im Körper – als Entspannung/Anspannung, als Körperhaltung, als Form des Atmens etc. Über Veränderungen im Körper kannst du dein Prana, die Lebensenergie, beeinflussen und damit auch den Geist. Ist dein Vertrauen erschüttert, dann ist auch dein Prana unruhig, der Atem unruhig, der Körper verspannt, die Körperhaltung eingesunken. Darauf kannst du im Hatha Yoga sehr gut einwirken durch

  • Asanas = Körperübungen
  • Pranayama = Atemübungen
  • Shavasana bzw. Yoga Nidra = Tiefenentspannung

Vertrauen durch Asanas, Yoga Stellungen

Durch Asanas, Yoga Stellungen, kannst du eine gute, vertrauensvolle Körperhaltung bekommen. Du richtest dich auf, du löst Verspannungen. Manche Asanas (Stellungen) entwickeln das Vertrauen besonders:

  • Die Stellungen der Hingabe wie Stellung des Kindes (Garbhasana) oder Vorwärtsbeuge (Paschimottanasana) kommst du in Kontakt mit deinem Urvertrauen
  • Rückbeugen wie Kobra (Bhujangasana), Halbmond (Anjaneyasana), Fisch (Matsyasana), öffnest du dein Herz–Freude, Liebe, Vertrauen zu deinen Mitmenschen, zum Schicksal, zu Gott können wiederkommen
  • Gleichgewichtsübungen wie der Baum (Vrikshasana), Krähe (Kakasana), Kopfstand (Shirshasana) bekommst du Vertrauen in deine eigenen Fähigkeiten und in deine Fähigkeit, auch in den Stürmen des Lebens, dein Gleichgewicht halten.

Vertrauen entwickeln mittels Pranayama, Atemübungen

Atem und Geisteszustand hängen eng miteinander zusammen. Wenn aktuelle Ängste, Enttäuschungen, sich ansammelnder Alltagsärger auf die Stimmung schlagen, dann wird auch der Atem beeinflusst. Ängste machen den Atem unruhig, verkrampfen den Bauch, der Atem wird flach. Bei Ärger wird der Atem unruhig, gepresst. Oft atmen Menschen, die verärgert sind, mit dem Brustkorb. Frustrierte Menschen atmen oft flach und verkrampft.

Mit dem Atem kannst du deinen Gemütszustand ändern und neues Vertrauen gewinnen. Über Atemübungen (Pranayama), kannst du neue Energie aufnehmen. Wenn du mehr Energie hast, kommt auch das Vertrauen wieder – das Vertrauen, etwas ändern zu können, das Vertrauen, dass alles gut ausgeht und das Vertrauen, dass du auch wenn es schief geht, mit der Situation umgehen kannst. Mit mehr Energie sieht die Welt schon ruhiger aus.

Atemübungen, um Vertrauen zu bekommen und Vertrauen wiederzugewinnen 

Tiefe Bauchatmung:

Atme 4 Sekunden lang aus, 4 Sekunden lang ein. Atme dabei vollständig aus, atme sanft ein. Beim Ausatmen geht der Bauch hinein, beim Einatmen wölbt sich der Bauch sanft nach vorne. Diese Atmung hilft, Prana zu harmonisieren und damit die Energien auszugleichen. Die tiefe Bauchatmung hilft dir dich zu zentrieren. Wenn du dich in deiner Mitte fühlst und Harmonie spürst, fasst du schnell wieder Vertrauen.

Murccha, verlängerter Ausatem:

Wenn du dich über etwas geärgert hast, kann Murccha dir wieder innere Ruhe geben. Murccha gilt als Pitta harmonisierende Atmung, also als Ärger-reduzierende Atmung. Aus Ärger kommt oft schwindendes Vertrauen.

Anleitung: Atme sanft ein. Dann atme langsam aus, mindestens doppelt so langsam wie beim Einatmen. Atme immer wieder sanft ein und so langsam wie möglich aus. Nach etwa 5-10 Atemzügen wirst du ruhiger und bekommst wieder Vertrauen in das Gute im Menschen und in deine Fähigkeit, Gutes zu bewirken.

Kapalabhati ist der Schnellatem.

Kapalabhati aktiviert die Energien. Du pustest das Störende weg. Wenn du so neue Energie hast und das Störende aus Geist und Energiekörper „weggepustet“ hast, kommt Vertrauen von selbst.

Wechselatmung (Anuloma Viloma und Nadi Shodhana):

Die Wechselatmung gleicht die Energien aus, entwickelt die Fähigkeit zur Konzentration und zur inneren Ruhe inmitten der Höhen und Tiefen des Alltags. Mit anderen Worten: Die Wechselatmung schafft eine gute Grundlage für beständiges Vertrauen.

Agni Sara, die Feuerreinigung,

gehört eigentlich zu den Kriyas. Kriyas sind die Reinigungsübungen im Hatha Yoga. Agni Sara massiert alle Bauchorgane und beseitigt Spannungen im Bauchbereich. Die Übung ermöglicht den Zugang zur inneren Mitte, auch Sonnenenergie, Selbstbewusstsein, genannt. Agni Sara entfacht das innere Feuer, also Begeisterung, Durchsetzungsvermögen und Mut.

Kurzübungsanleitung Agni Sara für Vertrauen:

Stehe aufrecht und entspannt. Atme tief vollständig ein. Dann atme schnell durch den Mund aus, beuge leicht die Knie und stütze dich auf die Knie oder Oberschenkel ab. Halte die Luft mit leeren Lungen an. Ohne zu atmen gib den Bauch nach vorne und nach hinten, immer wieder. Wenn der Einatemimpuls kommt, gib den Bauch nach vorne, atme wieder ein und richte dich auf. Übe etwa 3 Runden Agni Sara. Agni Sara eignet sich am Morgen auch um gut wach zu werden. Agni Sara eignet sich aber auch zwischendurch, um stecken gebliebene Emotionen zu lösen.

Yoga Augenübungen für Vertrauen:

Auch die Augen stehen in Verbindung mit dem Gemütszustand. Wenn du die Augen zum Himmel hebst, den Himmel anschaust, dabei den Brustkorb wölbst, kannst du eine Verbindung zur Himmelsenergie, vielleicht auch zu Gott spüren. Oder schaue einen Baum eine Weile an und spüre ihn. Du wirst innere Festigkeit und neues Vertrauen bekommen: Ein Baum hat schon so viel erlebt – wenn du dich mit ihm verbindest, spürst du Vertrauen.

Tiefenentspannung als Mittel, Vertrauen zu entwickeln

Alltagsstress wie auch intensive negative Erlebnisse können sich als Spannungen in Körper und Geist manifestieren, die bleiben, auch wenn das Ereignis/die Ereignisse schon lange vorbei sind. Denken und Fühlen interpretieren das Vorhandensein von Spannungen, dass etwas nicht stimmt. So entsteht aus Verspannung ein Gefühl des Misstrauens – was dem Gefühl des Vertrauens
entgegengesetzt ist. So ist es wichtig, die Spannungen im Körper zu lösen. Dann interpretiert die Psyche den gefühlten Entspannungszustand des Körpers, dass alles in Ordnung ist. So entsteht ein Gefühl des Vertrauens.

Wie kannst du Spannungen abbauen, um Vertrauen fassen zu können? Dazu ist die Yoga Tiefenentspannung besonders geeignet. Die Yoga Tiefenentspannung nutzt verschiedene Entspannungstechniken für Körper, Psyche und Geist. So kannst du gründlich entspannen. Und so entsteht eine positive Rückkopplungsschleife, ein Engelskreislauf. Du spürst Entspannung in Körper und Psyche und fühlst Vertrauen. Du fühlst Vertrauen und kannst entspannen.

Sukadev Volker Bretz

Sukadev Volker Bretz ist Gründer und spiritueller Leiter von Yoga Vidya. Er versteht es wunderbar, tiefe Weisheit humorvoll weiterzugeben. Seine besondere Stärke ist es, Aspiranten zu intensiver Praxis zu motivieren, hinter allem einen höheren Sinn zu sehen und mehr Energie und Herz in den Alltag zu bringen. Er gibt regelmäßig Wochenendseminare zum Thema „Vertrauen“ und hat auch schon eine ganze Podcastreihe zu diesem Thema gegeben.

Der Artikel ist erschienen im Yoga Vidya Journal Ausgabe Nr. 41  II/2020

 

Lesen Sie auch den ersten Artikel zum Thema:

No Thoughts on Wege zu tiefem Vertrauen

Leave A Comment